HEDWIG AND THE ANGRY INCH
Als sei die Zeit für Glamour zwar vorbei, dies aber kein Grund, ohne Glitzerlidschatten aus dem Haus zu gehen, schwappt nun Stephen Trasks und John Cameron Mitchells
90er-Rock-Musical "Hedwig & the Angry Inch" nach Frankfurt. Die Fassadenpracht von Transvestiten in der Unterhaltungsbranche wird hier ins Frankensteineske getrieben.
Die Drag Queen Hedwig singt monumentale Songs und erzählt folgende Geschichte: Geboren als Hänsel Schmidt in Ostberlin, hat sie sich in einen amerikanischen GI verliebt (wie das eigentlich? aber
egal). Um ihn heiraten und mit ihm die DDR verlassen zu können, unterzieht sie sich bei einem Quacksalber einer "Geschlechtsumwandlung". Ihr bleibt ein "angry inch", ein zorniges Stückchen zurück,
ohne aber dass sie nun direkt als Frau bezeichnet werden könnte. Irgendwo dazwischen hängend wird sie die Künstlerin Hedwig, die - in den USA, aber längst wieder geschieden - einen Jungen kennen und
lieben lernt. Sie formt ihn nicht nach ihrem Bilde, sondern so, wie es ihr gefällt. Pygmalion machte es vor.
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Hedwig ist erfolgreich, ihr Geschöpf aber untreu: Tommy Gnosis - bemerken Sie bitte den gebildeten Namen, den sie ihm gibt - macht sich mit ihren Songs davon und Karriere. Wenn Hedwig die Tür öffnet,
hört man das Gejohle aus der Riesenhalle, in der Tommy Gnosis gastiert. Wir hingegen - Ironie dieses wahrlich selbstironischen Musicals - sind in Hedwigs Vorstellung gelandet, die im alten English
Theatre auf der Kaiserstraße stattfindet. Die rosa illuminierte Plakatierung draußen passt glänzend in die Gegend und könnte zu Missverständnissen führen. Ein breitschultriges Funkenmariechen aber
ist im Publikum so gut aufgehoben wie die bürgerlich gekleideten Pärchen, die mal was anderes sehen und was Lautes hören wollen. Das können sie haben.
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